KUNST AM BAU

Halber Mond und schwarzer Bär.

Das Quartier am Dom und seine Geschichte

Ein Kunstprojekt für neun Hauseingänge von Wolf von Waldow, 2018

Das Viertel unmittelbar am Fuß des Erfurter Domberges war vom Mittelalter bis zum frühen 19.Jahrhundert dicht besiedelt. Im Zuge der Rückeroberung der Stadt von den Napoleonischen Truppen 1813 wurde es komplett abgerissen und ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1945 militärisch genutzt. Danach siedelten sich verschiedene Kleingewerbe an. Der Bauherr des heutigen Quartiers am Dom, entschied sich die reiche und wechselvolle Geschichte dieses Ortes in einem Kunstprojekt sichtbar zu machen und beauftragte dafür den Berliner Künstler Wolf von Waldow. Die Glasflächen der neun Eingänge des Gebäudekomplexes sind verschiedenen Aspekten dieser Geschichte gewidmet.

Auftraggeber: Domplatz EF GmbH & Co.KG, Erfurt.

Material: Keramischer Digitaldruck auf Glas, 2018
Ausführung: Polarterm Flachglas GmbH, Großenhain
Erläuterungstexte: Wolf von Waldow, www.vonwaldow.de
Fotos: Paul Philipp Braun, www.ppbraun.de

Über dieses Projekt ist eine ausführliche Broschüre erschienen:
Thomas Renner. Halber Mond und schwarzer Bär – oder wie man Stadtgeschichte zum Leben erweckt. Hrsg. Domplatz EF GmbH & Co.KG
Erhältlich bei: Dr. Ullrich Real Estate, Große Ackerhofsgasse 13, 99084 Erfurt


Gasthaus zum halben Mond
(Domstraße 1)

An der Ecke Domstraße/An den Graden (ehem. Halbe Mondsgasse) befand sich seit dem 16. Jahrhundert das Gasthaus "Zum halben Mond". Entsprechend ist das Motiv wie ein historisches Wirtshausschild gestaltet. Jahrtausendelang bildete der Mond eine Projektionsfläche für die Menschheit, die erst durch Neil Armstrong, der als erster den Mond real betrat, entmystifiziert wurde. Schlecht erging es dagegen dem Jäger Aktaion, der als erster Sterblicher die Mondgöttin Diana nackt beim Baden beobachtete und sie damit entmystifizierte. Er wurde für diesen Frevel von ihr in einen Hirsch verwandelt und daraufhin von seinen eigenen Hunden zerrissen. Ihre Nachfolgerin, die Madonna auf der Mondsichel, hängt sicherheitshalber als Gegengewicht am anderen Ende des Seiles. Immerhin: wenigstens die Wölfe heulen den Mond noch an wie eh und je.

Gasthaus zum halben Mond. Entwurf
Gasthaus zum halben Mond. Foto: Paul Philipp Braun

Sybel's Haus
(Domstraße 1)

Das Motiv „Sybel‘s Haus“ erinnert an all die vergessenen Menschen mit ihren Erinnerungen, die hier über Generationen hinweg gelebt haben. Karl Anton Sybel wird in einem Tagebucheintrag von 1813 erwähnt, der die Zerstörung des Viertels beschreibt. Er war als „Officiatus fabricae“ für die Instandhaltung der Gebäude des St. Severins-Stifts, aber auch für den ordnungsgemäßen Zustand der liturgischen Geräte und Gewänder verantwortlich. Auf dem Klingelschild finden sich weitere Namen letzter Besitzer vor dem Abbruch der Häuser.: Adam Seidewitz war Schneider, Johann Nikolaus Spangenberg arbeitete zunächst als „Tagelöhner“, später als „Brantweinwirt“, Johann Christoph Vogelbein, der Betreiber des "Halben Monds", war von Haus aus „Hoboist“. Sophie Magdalena Kolbe und Christine Sibylle Leitsmann waren Witwen eines "Schönfärbers", bzw. eines "Strumpfarbeiters". Anna Marie Burckhard hatte sich hingegen wiederverheiratet: mit Johann Christoph Lex, seines Zeichens Gastwirt.

Sybels Haus. Entwurf
Sybels Haus. Foto: Paul Philipp Braun

Artilleriewagenhäuser
(Domstraße 1b)

Das Motiv vereint unterschiedliche Zeithorizonte miteinander. Es kombiniert das überlieferte Erscheinungsbild der Preußischen Zeit mit Hinweisen auf Bebauungen früherer Epochen. Nach dem Abriss der vorhandenen Bebauung im Jahre 1813 lag das Gelände lange brach, bis dort 1845 und 1863 zwei große Gebäude zur Lagerung von Artilleriegeschützen und Waffen der Preußischen Armee – im Volksmund "Kanonenschuppen" genannt – errichtet wurden. Sie bestanden in stark veränderter Form bis 2014. Der kleine Soldat mit seinen Preußischen Attributen wie Pickelhaube und Adler steht auf einer Karte der archäologischen Ausgrabungen, die 2016 vor der Errichtung des heutigen Wohnhauses erfolgten. Da der Boden im 19. Jahrhundert gründlich eingeebnet wurde, fand man jedoch nur noch Kellerfragmente der mittelalterlichen Bebauung.

Artilleriewagenhäuser. Entwurf
Artilleriewagenhäuser. Foto: Paul Philipp Braun

Güldene Pforte
(Domstraße 1d)

Das "Haus zur güldenen Pforte" gehörte ursprünglich zu den Stiftshäusern, wurde also von Mitgliedern des Domkapitels bewohnt. Wie kann man das "güldene" Portal eines Stiftshauses darstellen, wenn man keine Farbe verwenden will? Zum Beispiel indem man alchemistische Zeichen und Symbole verwendet. Schon in der Antike hat man versucht Gold künstlich zu erzeugen und dies Wissen in verschlüsselter Form festgehalten. Um Gold (Kreis mit Punkt) herzustellen, braucht man Schwefel (links), Quecksilber (rechts), die vier Elemente (Schlüsselbund: Wasser, Luft, Feuer, Erde), Salz - und natürlich den Stein der Weisen. Auf der Krawatte des "Alchemisten" spielt sich derweil die Vertreibung aus dem Paradies ab, greift er doch verbotenerweise in die Schöpfung ein, während die Schlange sich bereits aus dem Staub macht.

Haus zur güldenen Pforte. Entwurf
Haus zur güldenen Pforte. Foto: Paul Philipp Braun

Luftschlösser
(Domstraße 1e)

Im Gegensatz zu allen anderen Motive, die von der Geschichte des Ortes handeln, bezieht sich dieses Motiv auf die Zukunft oder wie sie auch hätte aussehen können. Der jetzt realisierte Entwurf des Hauses wurde nämlich in einem Wettbewerb aus zwanzig weiteren Projekten ausgewählt. Dargestellt sind einige der abgelehnten Wettbewerbsentwürfe.

Luftschlösser. Entwurf
Luftschlösser. Foto: Paul Philipp Braun

Pilgerzeichen
(An den Graden 2)

Der Schwerpunkt dieses Motivs liegt auf Artefakten, die während der archäologischen Forschungen im Sommer 2016 gefunden wurden. Zu den bemerkenswertesten Funden zählen drei Pilgerzeichen aus der Zeit um 1300. Sie wurden als Applikationen beispielsweise auf Kleidungsstücken verwendet. Es handelt sich um St. Servatius aus Maastricht (unten links), Maria auf dem Thron mit Lilienszepter und dem stehenden Jesuskind daneben (rechts) sowie Karl der Große ohne Kopf, dafür aber mit liegendem Richt-Schwert auf den Knien (oben) – beide aus Aachen. Die Objekte wurden in einer Abfallgrube gefunden. Zerbrochene Kämme und Würfelrohlinge aus Knochen, lassen auf eine Schnitzerwerkstatt schließen. Die "Archäologin" sitzt auf einer instabilen Konstruktion aus technischen Hilfsmitteln, die sie für ihre Arbeit benötigt. Mit ihren Erkenntnissen vermittelt sie zwischen uns und unserer Geschichte, so wie die Heiligen zwischen den irdischen Belangen und dem Himmel vermitteln sollen.

Pilgerzeichen. Entwurf
Pilgerzeichen. Foto: Paul Philipp Braun

Bergstrom
(An den Graden 4)

Durch die Stadt Erfurt fließen mehrere Arme der Gera. Der sog. "Bergstrom", der heute hinter dem Grundstück verläuft, änderte im Laufe der Jahrhunderte mehrfach seinen Verlauf über das Grundstück. Das Wasser diente überall in der Stadt zum Antreiben von Mühlwerken. Das (Mühl)Rad, dessen Speichen aus Schachfiguren gebildet werden, ähnelt nicht zufällig dem Erfurter Stadtwappen. Es erinnert aber auch an das sich drehende Rad der Schicksalsgöttin Fortuna, auf dem Menschen verzweifelt versuchen sich im Gleichgewicht zu halten. Beim Thema Wasser darf das schwankende Schifflein als Sinnbild des Lebens natürlich nicht fehlen. Mit ihm verbunden sind Begriffe, wie Vanitas (Vergänglichkeit) und Eternitas (Ewigkeit, Dauer), die das geistliche Weltbild der Menschen über Jahrhunderte bestimmt haben. Der Bergstrom wurde offenbar auch zum Fischfang genutzt, denn während der archäologischen Ausgrabungen wurde im Bereich des historischen Flussverlaufs eine kastenartige, hölzerne Konstruktion entdeckt, in der Fische vor dem Verkauf lebend und frisch im Wasser gehalten werden konnten.

Bergstrom. Entwurf
Bergstrom. Foto: Paul Philipp Braun

Halbe Mondsgasse
(An den Graden 6)

In mittelalterlichen Städten hatten die Häuser Namen, keine Hausnummern. Diese Tradition ist in Erfurt noch vielfach gegenwärtig. Das Motiv erinnert an die Namen der Häuser, die bis 1813 in der Halben Mondsgasse, der heutigen Straße An den Graden, standen. Ausgehend von Bergstrom reihen sich folgende Häuser aneinander: "Das Haus zum roten Stern und zur grünen Tanne", erbaut 1699 an Stelle zweier älterer Häuser; das "Haus zur Eule"; das "Haus zum schwarzen Bären" sowie das "Haus zum schwarzen Horn", das aber bereits ab 1638 nur noch als Stall für das anschließende "Gasthaus zum Halben Mond" diente. Nach einem Sprung über das Gasthaus hinweg folgt als Nachzügler, bereits in der Domstraße gelegen, noch das "Haus zum großen und zum kleinen Störchen". Die Hausformen mit dem spitzen Dach orientieren sich an den schematischen Hausdarstellungen auf alten Stadtansichten Erfurts, z.B. bei Matthäus Merian.

Halbe Mondsgasse. Entwicklung
Halbe Mondsgasse. Foto: Paul Philipp Braun

Erfurter Obst u. Gemüsemarkt
(An den Graden 8)

Anlässlich des 35. Jahrestages der DDR wurde in einem der Artilleriehäuser ein Gemüse- und Obstmarkt eingerichtet. Das ist bemerkenswert, denn spezielle Obstmärkte gab es in der DDR selten. Es ist sicher auch als eine Reaktion auf die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der allgemeinen Versorgungslage zu verstehen. Dafür fügte man an der Seite einen Eingangsbereich an, der stilistisch an die historische Architektur angepasst wurde. Ein Mitarbeiter des Erfurter Stadtmuseums erinnerte sich, dass man gern Bekannte aus dem Betrieb vorschickte, um das Angebot zu sondieren. Die "Arbeiterin" hat ihr Fernglas jedoch bereits sinken lassen und betrachtet abwartend die Utopie auf der Schulkarte gegenüber. Von dort antwortet ihr eine Figur auf einem schwankenden Turm aus Äpfeln, die unbeirrt eine Flagge schwingt, auf der die weit hinter dem "Westen" liegende Insel Kuba zu sehen ist. Doch was verspricht eine Welt jenseits dieser Utopie? Der Korb zumindest, wird schon in wenigen Jahren nicht nur mit Südfrüchten gefüllt sein...

Erfurter Obst und Gemüsemarkt. Entwurf
Erfurter Obst und Gemüsemarkt. Foto: Paul Philipp Braun